Ein kleines Stück vom Himmel

Geschrieben am 20.08.2021
von Shaolin Rainer


Eine grosse deutsche Firma veranstaltet jedes Jahr verschiedene Betriebsausflüge, gemeinsame Events und diverse Aktivitäten, die den Zusammenhalt der Mannschaft stärken, ein Gemeinschaftsgefühl aufbauen, und das Kennenlernen der Kollegen und Mitarbeiter untereinander erleichtern sollen. Dabei wird von der Firmenleitung besonders auf das gemeinsame Erlebnis, auf Vertrauen und Motivation gesetzt.

In diesem Frühling war die Führungsebene mit Seminaren an der Reihe, für die Abteilungsleiter wurde eine Teamwanderung angesetzt, im Fokus für die Führungskräfte sollten dabei Leistung und Souveränität stehen.



Als gut bezahlte höhere Angestellte waren alle Beteiligten sehr von sich eingenommen, ihr Leben war gut, aber dafür hatten die Manager genügend andere Probleme, sie waren schon „in die Jahre gekommen“, auf der Suche nach "sich selbst".

Die Wanderung wurde in einem wunderschönen Wald organisiert, die Gruppe wurde in zwei Teams aufgeteilt, an einem Treffpunkt sollten die Mitarbeiter wieder zusammenkommen, unterwegs verschiedene Aufgaben erfüllen, ähnlich einer Schnitzeljagd.

Ein Team aber kam vom Weg ab, sie verirrten sich im tiefen, dunklen Wald. Beklemmung kam über die Wanderer, das Telefon hatte kein Netz, es wurde richtig gruselig für die Stadtmenschen in der unberührten Natur.



Als sie weiter gingen sahen sie an einem kleinen Bach eine zauberhafte Holzhütte, hier könnten sie wenigstens auf Rettung warten. Beim Näherkommen entdeckten die Männer einen bärtigen Bewohner, der allerdings über das ganze Gesicht strahlte, er verströmte Glück und Zufriedenheit, mit einem Einsiedler hatten die Wandersleute nicht gerechnet.

"Hallo ihr Wanderer“, rief er erfreut der Gruppe zu. „Guten Tag“, erwiderten die Verirrten ihm. Die Manager erzählten von ihrem Ausflug, der Bärtige erklärte ihnen den Weg zurück in ihr Camp.

Vor sie aufbrachen fragte ein Mitglied des Teams: „warum bist du so strahlend, es ist uns aufgefallen, dass du sehr glücklich bist, darf ich fragen warum? Lebst du hier alleine, in dieser kleinen Hütte“?



„Ja“, antwortete der sich als Buddhist zu erkennen gebende Bewohner des Waldes, „ich lebe hier alleine, es fehlt mir aber an nichts. Und mein Glück ist kein Geheimnis, ich erfreue mich an „meinem Wald“, am kleinen Stückchen vom Himmel, dass ich von meinem Platz aus sehen kann, von meinem Stuhl hier, von der Türe vor meiner Hütte aus“.

„Darf ich mich einmal in deinen Stuhl setzen“, fragte einer der Gruppe? „Ja, warum nicht, nimm nur Platz“ antwortete der Einsiedler. Der Manager setzte sich, schaute umher, dann sprach er leicht verwundert: „ich kann von deinem Platz aus nicht viel sehen, nur Bäume, Blätter und etwas Himmel, warum nur bist du dabei so glücklich?“



„Ich weiß nicht wie ich es dir erklären soll“, antwortete der bärtige Waldbewohner, "aber es ist mein Platz im Leben, mein Stück vom Himmel, meine Bäume, ich bin glücklich weil ich meinen Platz gefunden habe, hier gehöre ich her. Auf diesem, meinem Stuhl zu sitzen erfüllt mich mit Glück“!

Die Gruppe machte sich auf den beschriebenen Weg zurück zu ihrem Camp. Tief beeindruckt vom Seelenfrieden des Einsiedlers liefen sie schweigend zum Rest ihrer Gruppe, nachdenklich setzten sie sich an das Lagerfeuer, ihre Aufgaben waren nicht erledigt, das andere Team hatte gewonnen. An diesem Abend war ihnen das aber völlig egal.



Noch heute treffen sich diese Männer immer wieder, sie sind Freunde geworden, das Zusammentreffen mit dem einsamen Mann im Wald hat ihr Leben verändert.

Und jeder dieser Männer hat jetzt auch einen eigenen Platz im Leben gefunden, seinen Platz, mit jeweils einem eigenen kleinen Stück vom Himmel. Ganz unterschiedliche Orte hat ein Jeder gewählt, aber seinen eigenen Platz.

Welch ein Reichtum, einen eigenen kleinen Platz zu haben.

Der Weg ist das Ziel!



In der Meditation begegnen wir dem göttlichen Urgrund, wir kommen der Mitte des Lebens ein Stück näher

Buddha - Ehrenname des Siddharta Gautama - 560 bis 480 vor dem Jahr Null

Wenn eine heiße Frau auf einen Einsiedler trifft muss sich einer ändern

- Charles Bukowski - US-amerikanischer Dichter und Schriftsteller - 1920 bis 1994

Habt ihr Mut, oh meine Brüder? Seid ihr herzhaft? Nicht Mut vor Zeugen, sondern Einsiedler- und Adler-Mut, dem auch kein Gott mehr zusieht?

- Friedrich Nietzsche - Deutscher klassischer Philologe und Philosoph - 1844 bis 1900



Alles Leben ist eine Bewegung in Beziehung. Es gibt nichts auf der Erde, das nicht mit der einen oder anderen Sache zusammenhängt. Sogar der Einsiedler, ein Mann, der an einen einsamen Ort geht, bleibt in Bezug auf die Vergangenheit und die Menschen in seiner Umgebung. Es ist nicht möglich, der Beziehung zu entkommen. In dieser Beziehung, die der Spiegel ist, der es uns ermöglicht, uns selbst zu sehen, können wir entdecken, was wir sind, unsere Reaktionen, unsere Vorurteile und Ängste, Depressionen und Ängste, Einsamkeit, Schmerz, Trauer, Angst

- Jiddu Krishnamurti - Spiritueller Lehrer indisch-brahmanischer Herkunft - 1895 bis 1986

Glanzvoller Stern! Wär ich so stet wie du, nicht hing ich nachts in einsam stolzer Pracht! Schaut nicht mit ewigem Blick beiseite zu, Einsiedler der Natur, auf hoher Wacht. Beim Priesterwerk der Reinigung, das die See, die wogende, vollbringt am Meeresstrand; noch starrt ich auf die Maske, die der Schnee sanft fallend frisch um Berg und Moore band. Nein, doch unwandelbar und unentwegt Möcht ruhn ich an der Liebsten weicher Brust, zu fühlen, wie es wogend dort sich regt, zu wachen ewig in unruhiger Lust, zu lauschen auf des Atems sanftes Wehen - So ewig leben - sonst im Tod vergehen!

- John Keats - Britischer Dichter der Romantik - 1795 bis 1821

In diesem Lichte ist der Wald das große Todeshaus, der Sitz vernichtender Gefahr. Es ist die Aufgabe des Seelenführers, den von ihm Geführten an der Hand dorthin zu leiten, damit er die Furcht verliert. Er läßt ihn symbolisch sterben und auferstehen. Hart an der Vernichtung liegt der Triumph. Aus diesem Wissen ergibt sich die Erhöhung über die zeitliche Gewalt. Der Mensch erfährt, daß sie ihm im Grunde nichts anhaben kann, ja nur dazu bestimmt ist, ihn im höchsten Range zu bestätigen. Das Schreckensarsenal, bereit, ihn zu verschlingen, ist um den Menschen aufgestellt. Das ist kein neues Bild. Die neuen Welten sind immer nur Abzüge ein und derselben Welt. Sie war den Gnostikern bekannt, den Einsiedlern der Wüste, den Vätern und wahren Theologen seit Anbeginn. Sie kannten das Wort, das die Erscheinung fällen kann. Die Todesschlange wird zum Stab, zum Zepter dem Wissenden, der sie ergreift

- Ernst Jünger - Deutscher Schriftsteller und Publizist - 1895 bis 1998



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